" . . nämlich zu Haus ist der Geist
nicht am Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat.
Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist.“
Friedrich Hölderlin
Kenneth Frampton strebte 1983 mit dem Begriff des Kritischen
Regionalismus in seinem Essay „ Towards a Critical Regionalism: Six
Points for an Architectural Resistance“(1) nach einem reicheren Kontext
für die moderne Architektur. Er beschreibt ihn in einem Interview(2) nach
wie vor als wichtige Haltung in der gestalterischen Praxis, warnt aber
davor ihn als Stilbegriff misszuverstehen. Die Frage um das Verhältnis
von Welt und Ort zeigt in der Geistesgeschichte Konstanz, auch wenn
sich die Begriffe verschieben. Paul Ricoeur 1965 stellt „Universelle
Zivilisation und Nationale Kulturen“ in eine dialogische Opposition,
Martin Heidegger spricht 1951in „Bauen, Wohnen, Denken“ von Raum und
Ort und bezieht sich dabei auf Friedrich Hölderlins „Kolonie und
Heimat“.
Der folgende Essay umkreist dieses Begriffspaar anhand eines Gebäudes,
einer Familie und eines Architekten aus Graubünden.
Erstes Bild - Das Tal
”Von da an verzettelt sich die Reise, die solange großzügig, in
direkten Linien vonstatten ging. Es gibt Aufenthalte und
Umständlichkeiten. Beim Orte Rorschach, auf schweizerischem Gebiet
vertraut man sich wieder der Eisenbahn, gelangt aber vorderhand nur bis
Landquart, einer kleinen Alpenstation, wo man den Zug zu wechseln
gezwungen ist. Es ist eine Schmalspurbahn, die man nach längerem
Herumstehen in windiger und wenig reizvoller Gegend besteigt, und in
dem Augenblick, wo die kleine, aber offenbar ungewöhnlich zugkräftige
Maschine sich in Bewegung setzt, beginnt der eigentlich abenteuerliche
Teil der Fahrt, ein jäher und zäher Aufstieg, der nicht enden zu wollen
scheint. Denn Station Landquart liegt vergleichsweise noch in mäßiger
Höhe; jetzt aber geht es auf wilder, drangvoller Felsenstraße allen
Ernstes ins Hochgebirge.”(3)
Thomas Mann führt Hans Castorp, die Titelfigur seines großen Romans
”Der Zauberberg” von Hamburg nach Davos. Eine Reise, die er 1912 selbst
vollzog, als er seine dort stationierte, lungenkranke Frau Katia
besuchte. Dabei passierte er auf halbem Weg zwischen Landquart und
Davos das Graubündner Dörfchen Jenaz, in dem sich rund 90 Jahre später
ein Agrarökonom und eine Handarbeitslehrerin ein Haus für sich und ihre
sechs Kinder errichten sollten.
Zweites Bild - Das Haus
Das Haus Luzi steht am Rande des alten Dorfkerns, einem eng gedrängten
Kreis von stämmigen Bauernhäusern, teils alte massive Holzhäuser in
Blockbauweise, dunkel, fast schwarz verbrannt durch die Sonne von
manchmal 300 Jahren.
Die Strasse vor dem Haus, fällt ab und hebt es auf einen Sockel aus
sorgsam gefügtem Naturstein. Da hinein schiebt sich eine Garage, die
mit dem Kellergeschoss verbunden ist. Drei volle Geschosse richten sich
darüber auf: Ein gemeinsamer Eingang mit einer Einliegerwohnung, ein
Wohngeschoss und ein Geschoss für die Schlafräume, das hoch durch einen
offenen Dachraum überragt wird. Die Einliegerwohnung ist vermietet und
soll später einmal dem Paar als Alterssitz dienen.
Aus dem Zugang, zum Dorfkern gerichtet und raumhoch verglast, taucht
ein Gang tief in den geschlossenen Holzkörper hinein, um über eine
einläufige Treppe in die eigentliche Wohnung der Familie zu führen.
Wieder licht und frei zeigt sich dort das Entree als einer von vier
gleichwertigen Räumen, das über Durchgänge mit der Küche, dem Essraum
und einem Musikzimmer verbunden ist. Ein offener, fließender Raum
zwischen fünf Holzkuben. In der Mitte befindet sich der Nassbereich, in
den übrigen sind Nebenräume und vier Stiegenaufgänge ins Schlafgeschoss
untergebracht.
Dazu bemerkt Peter Zumthor: “Da war eigentlich die Vorstellung, dass
ich von der Stube oder vom Essraum direkt in mein Zimmer gehen kann,
dass es für jeden einen eigenen und persönlichen Auf- und Abgang in das
Zimmer gibt. Das ist ein Wohngefühl, eine Art Intimität, die ich da in
den Bergen kennen gelernt habe. Vielleicht ist es diese „Ofentreppe“,
die es früher gab, über die man direkt aus der Stube in die gewärmte
Kammer über dem Stubenofen stieg, an die ich mich erinnere.”
Drittes Bild - Über das Haus
Peter Zumthor berichtet über zwei wesentliche Motivationen:
“Oben, nicht weit von dem Neubau weg, steht ein altes Schulhaus. Und
dieses Schulhaus ist ein schöner, stattlicher, einfacher, simpler
Strickbau. Und der wurde gebaut von einem der damals führenden
Architekten im Kanton Graubünden. Von ihm stammen Hotelbauten in St.
Moritz und Davos.
Das gehört sich, dass ein Architekt ganz einfache, simple Dinge machen
kann. Und genau das wollte ich. Eine Aufgabe nehmen und etwas einfach
und anständig erledigen. Und am liebsten in der Anonymität.
Das ist so ein persönlicher Antrieb.
Und das andere hat mehr zu tun mit der Konstruktion, mit den
konstruktiven Beschränktheiten der Strickbauweise. Wenn man diese
Bauweise anschaut, ist das wirklich archaisch. Wenn wie im 17. Jhdt.
die Fenster in den Wandflächen noch klein sind, ist das stimmig, aber
je größer die Fenster werden, umso mehr verliert der Strickbau an
Kraft. Und da ist bei diesem Haus eine Antwort gefunden.“
Peter Zumthor löst dieses Paradox durch den Wechsel von massiven
Ecktürmen und den vollständig verglasten Mittelfeldern. Sechs Meter
breit öffnen sie sich mit Schiebetüren oder Drehtüren, auf tiefe
wettergeschützte Terrassen und entsprechen so auch dem Wunsch der
Bauherrn nach Licht und Raum.
Peter Zumthor: “Alle Räume sind wie im Kino und alle vier Ausblicke
sind wunderschön. Da stört einfach nichts. Das ist selten. Das ist wie
Cinemascope.”
Viertes Bild - Archaik und Verfremdungen
Es verwundert nicht, dass dieses Haus in dem kleinen Graubündner Dorf
ambivalent aufgenommen wird. Vertraute archaische Grundmuster und
Modernität scheinen sich daran gleichsam zu umkreisen.
Die doppelt symmetrische Form des Gebäudes baut auf einem Raster von
zwei mal vier Wandscheiben und folgt der konstruktiven Logik einer
traditionellen Bauweise. Die Raumbildung über Körper und Zwischenraum
verweist auf ein Konzept der Moderne, das im Wohngeschoss kraftvoll
spürbar bleibt. Durch die raffinierte Variation von nur wenigen
Öffnungen verkehrt sich in den beiden anderen Geschossen der
Raumeindruck völlig. Die Kraft der klaren, räumlichen Ordnung und die
visuelle Dichte von Aussicht und Oberflächen bleibt ungerührt durch den
alltäglichen Gebrauch. Es entsteht auch keine Rustikalität, denn die
Raumhöhen folgen mit 2,5m heutigen Bedürfnissen. So erreichen auch die
eigentlich üblichen drei Geschosse eine stattliche Höhe. Über einem
offenen Dachraum sitzt hoch und frei tragend eine weit auskragende
Hohlkastenkonstruktion, die sich in der Dachneigung am umliegenden
Bestand orientiert. All dies bildet eine große Ordnung, denen durch
leichte Asymmetrien das Zwanghafte genommen ist. Stolz steht es dort,
wie auch Peter Zumthor konstatiert und entwickelt neben dem
historischen Gewicht des alten Dorfkerns eine zumindest ebenbürtige
Gravitation.
Fünftes Bild - Einem Haus auch Zeit lassen. Der Bau
Zu Beginn stand der Entschluss ein Haus aus massivem Holz zu bauen.
Fichte für die Konstruktion und geölte Lärche für Fenster und Böden.
Bäume wurden ausgesucht und das Holz im Winter eingeschlagen, aus hohen
Lagen, daher engjährig und homogen. Erst dann machte man sich auf die
Suche nach einem Planer. Eigentlich sollte es jemand aus dem Dorf sein,
doch stieß man über eine Bekanntschaft auf Peter Zumthor aus dem nahe
gelegenen Haldenstein. Die klaren Vorstellungen beiderseits passten
zueinander. “Beide kamen zu mir” so Peter Zumthor “weil sie etwas
wollten, das zu tun hat mit dieser Tradition des Ortes und der alten
Bauweise, aber zeitgenössisch formuliert ist. Sie hatten keine formalen
Vorstellungen, sondern Wertvorstellungen.” und “Wenn man sieht,
was das bedeutet, wenn Leute in einer Kultur leben, sich in einer
Kultur auskennen, und dann auch neue Leistungen abfragen bei einem
Architekten, neue Leistungen abfragen mit einem Respekt für diese
Kultur. Was will man mehr.”
Ungewöhnlich für die Arbeit mit Peter Zumthor, doch bezeichnend für das
Projekt war der Wunsch der Bauherrn, einiges in Eigenleistung zu
machen, doch man fand einen Modus und begann. Die Genehmigung durch die
Gemeindebehörden erfolgte trotz enger Vorschriften mit Verständnis für
die zeitgenössische Umsetzung, brachte aber auch die ersten
Diskussionen mit Nachbarn und Dorfbewohnern. Nicht jedem “passte” es
ins Dorf, und die Familie musste selbst einstehen für ihre Überzeugung
ein Haus so zu bauen, wie es wirklich ist und nicht Bildern zu folgen.
Mittlerweile ist es das Haus selbst und die ruhige Schönheit seines
Inneren, das Skeptiker überzeugt - zumindest die meisten. Der Demontage
eines 80 Jahre alten Bestands folgte im 2. Jahr der Bau des Kellers.
Weitere zwei Jahre brauchte der Holzbau und der Ausbau im Inneren.
Treppen und Badeinbauten wurden konsequent an den Wänden befestigt um
die üblichen Setzungen zu ermöglichen. Vorgefertigte Boden-Wandelemente
aus schwarz durchgefärbtem, geschliffenem Beton führen alle
Wasseranschlüsse und erübrigen den Einsatz von Fliesen. Sie
beeindrucken durch ihre Perfektion und noch viel mehr durch die
Erklärung, dass die Familie sie selbst gegossen und poliert habe und
die Steine dazu von einem nahe gelegenen, besonderen geologischen
Verschneidungspunkt stammen. Aus einer Bachräumung habe man diese
Gesteinsmischung geholt und deren Sieblinie für die Tauglichkeit im
Beton überprüfen lassen.
Sechstes Bild - Auf der Walz
Eines Tags nahm Valentin Luzi auf dem Weg zur Arbeit einen Anhalter
mit, einen reisenden Handwerksgesellen aus Heidelberg. Der gelernte
Treppenbauer war auf der Suche nach einer neuen Stelle: Ob er Arbeit
für ihn wüsste. Er blieb dann drei Monate im Hause der Luzi - solange,
wie seine Zunftregeln es ihm erlaubten - baute Treppen und Böden ein
und war auch sonst recht zu gebrauchen. Ein halbes Jahre später setzte
er seine Arbeit fort und brachte einen ebenfalls wandernden
Bootsbaugesellen aus der Lausitz mit, der aus einem gut abgelegenen
Eichenstamm zwei Badewannen fertigte.
Knapp 1000 Gesellen sind zur Zeit in Europa “auf der Walz” und folgen
damit einer mittelalterlichen Tradition, wonach sie nach Abschluss
ihrer Lehrzeit in schwarze, “zünftige” Tracht gekleidet drei Jahre und
einen Tag von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle reisen und in der Fremde
weiter lernen. Vornehmlich in Deutschland, Frankreich, Dänemark und der
Schweiz unterwegs hatte unser Bootsbauer auch schon in Argentinien und
Sibirien als Zimmermann gearbeitet. Nie länger als drei Monate an einem
Ort und nie näher als 50 km zum Heimatort sind sie mit minimalem
Gepäck, ohne Mobilfunk unterwegs und einem Ehrenkodex verpflichtet. Was
in Zeiten der totalen Telekommunikation und des kollektiven
Konsumgenusses wie ein Anachronismus wirkt und in den 80er Jahren fast
auszusterben drohte, lebt wieder auf.
Siebtes Bild - Über den Ort
Im Atelier von Peter Zumthor in Haldenstein: “Das was ich jetzt für die
Familie Luzi gemacht habe, ist das, was ich eigentlich immer machen
möchte: Eine Aufgabe ernst nehmen, einen Ort ernst nehmen und ein
Gebäude hinstellen, das Freude macht und ein kleines Stück Bereicherung
darstellt . Auf dieser Augenhöhe spielt das keine Rolle ob Welt oder
Dorf. Das misst sich ja nicht an theoretischen Kriterien, sondern am
Leben.“
„Ich begebe mich einerseits in den Ort hinein, spüre ihm nach, und
gleichzeitig blicke ich nach außen, in die Welt meiner anderen Orte.
Oder anders ausgedrückt: Es ist das dem Ort Fremde, das mir hilft, das
dem Ort Eigentümliche neu zu sehen.“ 4
“Wenn ich die Menschen und mich selber richtig beobachte, dann brauchen
die Menschen einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen. Sonst beginnen sie
Kriege anzuzetteln. Das hilft sehr, dass Menschen einen solchen Ort
haben. Und gleichzeitig ist es gut, wenn die Menschen möglichst viel
von der Welt sehen und von der Welt wissen. Das ist eine alte Weisheit.
In die Welt schauen, für das Verständnis und dann zu sehen, dass man
einen eigenen Ort hat, um zu verstehen, dass andere Menschen ihren
eigenen Ort haben müssen oder sollten.
Von da her greifen die beiden Schlagwörter Regionalismus und
Globalisation zu kurz. Sie sind beide blind für das andere. Im Prinzip
ist das eine dialektische Geschichte. Die Spannung des
In-der-Welt-Seins baut sich auf aus diesem Mikro und Makro. Dem
kleinen, Überschaubaren und dem Großen.“
Synopsis - Ökonomie der Aufmerksamkeit
Die vorangegangenen Skizzen beschreiben jeweils ein Verhältnis von Ort
und Welt, und der Aufmerksamkeit, die beiden geschenkt wird:
Thomas Mann nutzt den Prätigau und Davos als pittoreske Kulisse, als
allegorischen Szenenentwurf für eine metropolitane Gegenwelt. Das Haus
Luzi selbst steht 250 Jahre nach Erfindung des Tourismus in der
Schweiz, in einer alles andere als isolierten Tradition. Die Bauherrn
beziehen die Ressourcen in einer eigenwilligen Balance von regionaler
Verbundenheit und Weitblick aus der intensiven Auseinandersetzung mit
dem Ort, mit den Potentialen der Umgebung.
So entstehen nicht nur technische Lösungen, sondern werden auch soziale
Prozesse ausgelöst. All das, was Kultur über ihre Produkte hinaus
bedeutet. Entsprechend wird ein solcher Bau auch zur Reflexion des
Umfelds: Die Steine aus den nahen Bergen, die Bauweise von alten
Häusern im Dorf. Die Fertigkeiten des lokalen Zimmermanns oder eines
portugiesischen Maurers, der seit Jahren in der Region arbeitet. Nicht
zuletzt trafen sie so auch auf Peter Zumthor, für den nicht ein schwer
zu fassender Regionsbegriff im Vordergrund stand, sondern der Ort als
Hier und Jetzt, als Fokus einer nachhaltigen Aufmerksamkeit und Summe
von Beziehungen.
Im vierten Bild treffen wir schließlich auf eine alte, europäische
Kultur des Lernens und des Austauschs, die Neugier, Fremde und die
Geduld mit dem Ort vereint. 90 Tage mit einer handwerklichen Aufgabe zu
verbringen, sich auf einen Ort einzulassen und dabei selbst reiche
Erfahrungen einzubringen ist mehr als nur der Austausch von Produkten
oder Informationen.
Globalisierung ist erst durch die Auflösung der Orte zu konkurrierenden
Warenwelten, Bildern und Zeichen möglich geworden und bedeutet keinen
territorialen Krieg, sondern die Konkurrenz um Aufmerksamkeit als
knappes Gut. Wer seine Aufmerksamkeit fremden Bildern widme, wer in
transnationale Konsumwelten entführt wird, geht dem eigenen Ort
verloren.
Das Haus Luzi führt vor, wie Ort und Welt in einer Symbiose stehen,
aber auch wie viel Kraft ein eigenes Zentrum braucht. Diese Kultur und
die daraus entstehende Widerständigkeit sind wertvolle Ressourcen, die
oft mit ihren Produkten verwechselt werden. Zugleich sind sie
beispielhaft und auf diese Weise Konzept.
1) Kenneth Frampton in: Hal Foster (Hrsg.) “The anti-aesthetic: Essays
on postmodern Culture”, New York 1993
2) Rassegna, Nr. 83, S. 9-19, Bologna 2006
3) Thomas Mann, „Der Zauberberg“ Frankfurt 2003
4) Peter Zumthor, Beitrag in: „Bau – Kultur – Region“ Bregenz 1996
Robert Fabach, Bregenz, 12. Mai 2006
Erschienen in italienischer und englischer Übersetzung in:
Rassegna, Nr. 83, Juni 2006, Il regionalismo nell'era della
globalizzazione / Regionalism in the age of globalization, Hrsg.
François Burkhardt, Verlag: Editrice Compositori, Bologna.
www.rassegna.net
Erschienen in deutsch: Architektur Aktuell, Nr. 318/ Sept.2006, p110ff.