Betrachtungen zu handwerklicher Unmittelbarkeit
und künstlerischer Originalität am Beispiel des temporären
„Werkraum“-Gebäudes in Andelsbuch.
In Andelsbuch ist kürzlich eines der besten und interessantesten Gebäude
der neueren Vorarlberger Architektur entstanden. Ohne Architekt, fast ohne
Budget, in insgesamt fünf Tagen. Elementar, sachlich, dennoch mit Witz.
Ein Stück Improvisation mit vielen Beteiligten, das in seiner Entstehung
und in seinem Gebrauch schlichtweg mitreißend ist und beim Andruck
dieser Zeitschrift vermutlich schon nicht mehr existieren wird.
1 Was ohne viele Worte entstand und einfach gut
war.
Entstehung und Gebrauch.
Die alle drei Jahre stattfindende Ausstellung zum Wettbewerb „Handwerk &
Form“ benötigt für die Bewirtung seiner Besucher einen größeren
Raum. Die zuletzt genutzten Räumlichkeiten des ehemaligen Andelsbucher
Bahnhofs sind zu eng und ein Bierzelt ist der Ausstellung einfach nicht würdig.
Es braucht eine Alternative.
In der Arbeitsgruppe des Werkraum Bregenzerwald werden einige Ideen ausgetauscht
und als der Ausstellungstermin näher rückt, ergreifen Zimmermeister
Michael Kaufmann und Baumeister Werner Schedler die Initiative und ziehen
eines Tags frühmorgens mit Werkzeug und Gehilfen los.
Drei Sattelzüge auf dem Weg zum Holzbauwerk Kaufmann, voll beladen
mit Holzbrettern machen in Andelsbuch Halt und zwei Mann hieven -leihweise-
63 Stapel fein säuberlich auf die tags zuvor ausnivelierten Fundamentschwellen.
Eine außen angebrachte Folie hält das Gebäude dicht und die
rund 100 Tonnen Fichtenholz schaffen ein behagliches Raumklima. Die Staplergabel
bestimmt die Höhe der Fugen zwischen den 1,2m hohen Paketen. Der verwitterte
Schuppen des angrenzenden Bahnhofgebäudes wird mit eingebaut und dient
als Küche und Lager.
Am Abend steht der neue „Werkraum“ . Wände aus 1,2m tiefen Holzstapeln,
ein flach geneigtes Bret-terdach und eine Dachfolie bilden ein archaisches,
fensterloses Gebäude von 12 x 24 m Länge. Seine eingerückte
Stirnseite bietet Platz für eine Sitzbank und die Kasse, sie erinnert
an den „Schopf“ der traditionellen Bregenzerwälder Häuser.
Die anderen Mitglieder des Werkraum Bregenzerwald wollen dem nicht nachstehen
und so finden sich am Wochenende drauf rund 20 Handwerksmeister ein, um persönlich
Hand anzulegen. Eigentlich konkurrenzierende Unternehmer, packen sie zu diesem
Zweck gemeinsam an und legen so der Initiative des Werkraum ein gemeinschaftliches
Erlebnis zugrunde. An zwei Tagen werden ohne große Planungen ein Boden
eingezogen, ein Tresen um den Schuppen gebaut und Tisch, Bank und Bühne
nach allen Regeln der Kunst gezimmert. Das System der offenen Bretterstapel
wird genutzt, um Bänke und Tische daran aufzulegen. Schließlich
steckt noch eine gestaltende Hand eine Reihe kurzer Bretter ein, um dar-auf
dicke Kerzen in Einmachgläsern als stimmungsvolle Wandbeleuchtung zu
stellen.
Für Freitag ist die Eröffnung angesetzt, und es ist bereits Dienstag,
als ein offener Kamin von ehrfurchtgebietenden Ausmaßen entsteht. Irgendwer
schneidet schwere Stahlplatten zurecht, ein Schweißgerät ist rasch
zur Hand und Mittwoch abends zieht bereits der Rauch des ersten Feuers durch
den Kamin, der erst kurz zuvor durchs Dach geführt worden ist. Das offenen
Kaminfeuer gibt der schlichten Schönheit schließlich eine kraftvolle
Mitte. Ein nachfolgender Kälteeinbruch hatte Bedenken geschürt
und so taucht noch am späten Abend vor der Eröffnung ein Unentwegter
auf mit einem Heizaggregat und einem Stallgebläse und installiert damit
eine Luftheizung im Fußboden, veritable Hypokausten wie im alten Rom.
Noch um Mitternacht springen die Männer hinaus in den strömenden
Regen und dichten den Boden zur Seite sorgfältig ab. Der anschließende
Eignungstest der doppelt erwärmten Festhalle endet schließlich
erst im Morgengrauen. Das Resultat ist so überzeugend, dass schließlich
auch die Eröffnungsfeierlichkeiten in den "Werkraum" verlegt werden
und das Gebäude zum heimlichen Favoriten der Ausstellung Handwerk &
Form wird.
Der Wunsch nach einem Fortbestand war vielfach zu hören und der Hinweis
auf die nur befristete Genehmigung schien nicht recht stichhaltig. Nach heftiger
Nachfrage ergab sich, dass die Handwerker selbst "ihr" Gebäude nur für
den einmaligen Anlass der Ausstellung sehen wollten. Keine anderen Veranstaltungen,
keine Sonderwünsche anderer Nutzer, keine Reparaturen. Das Werkraum-Haus
ist das Werkraum-Haus. Anschließend wird er wieder vollständig
in den Kreislauf der Baumaterialien entlassen aus dem er entstanden ist.
Die Holzstapel werden wieder aufgeladen und fahren weiter zur Plattenproduktion.
Tisch und Boden kommen wieder auf den Holzlagerplatz. Die Dachkonstruktion
ist schon verkauft und die Folie findet auch ein neues Dach.
2 Wie mancher ins Grübeln kam
Nun kann der Mensch sich aber partout nicht mit dem Feuer, dem Holz und
einem Dach begnügen. Er beginnt zu grübeln und zu fragen.
Im beiläufigen Gespräch mit weltgewandten Zeitgenossen taucht
sie unvermeidlich auf: Die Zumthor-Frage. "Das ist doch wie beim Schweizer
Pavillon in Hannover ?" - "Ach ja . . " Gestalterisch avanciertere Besucher
beschleichen angesichts des alten Schuppens andere Zweifel, wie jenen Kameramann
des ORF, der in der Drehpause einer Reportage meinte: "Das Gebäude find
ich wirklich wunderbar, aber wieso habt ihr diese kitschige Almhüttenkulisse
reingebaut?" Beide Fragen, die mal auf empörtes Unverständnis,
mal auf mitwissendes Kopfwiegen stoßen zeigen die Verschiedenheit und
den Umfang unserer Lebenswirklichkeiten. Zugleich zeigt sie, dass wir unvermittelt
oft nur Gäste sind, Reisende in Realitäten, die sich manchmal unvermutet
überschneiden, oder die wir bewusst aufsuchen. Denn die obigen Fragen
stammen aus einer anderen Welt.
Die erste Frage entspringt eigentlich dem Reich der Erfindungen, der Mode
und des Kunstmarkts, die neben dem vermeintlichen Original nur Kopien kennen.
Michael Kaufmann hatte auf der Bezauer Handwerksausstellung 2002 seinen Messestand
ebenfalls mit einfachen Bretterstapeln errichtet und folgte damit den Vertretern
seiner Zunft, die schon vor 30, 40 Jahren auf genau die selbe Weise, provisorische
Abbundhallen für ihre Holzkonstruktionen errichteten. Der Schweizer
Pavillon, vom eiligen Betrachter auf seine Holzstapel verkürzt, verwendet
diese nur als Motiv in einem sorgsam inszenierten Kunstwerk aus Architektur,
Klang, Text und Performance. Die Stapel waren extra zugeschnitten und mit
speziell gefertigten Spannvorrichtungen 8m hoch aufgeschichtet. Sinnliche
Zeichen in einem Kunstsystem. Der "Werkraum" ist jedenfalls ein Zweckbau,
der in einer handwerklichen Tradition steht und diese ohne geistige Urheberschaft
umsetzt. Ihr Wissen fungiert als kollektive Basis, die weitergegeben und
vermehrt wird. Ein System mit dem auch etliche der Vorarlberger Baukünstler
in ihren typologischen Entwicklungen gegen die Vorwürfe aus der akademischeren
Architektur argumentierten. Aber sowohl das Bauen, als auch die Kunst lassen
sich in der Wahl dieser Systeme nicht fixieren. Sie können ihre Strukturen
ändern, jedoch nicht beliebig. Selbstdarstellung und Produkt müssen
zueinan-der passen, um glaubwürdig und wirksam zu sein. Diese offene
Basis des Handwerks findet neuerdings eine Analogie in der aktuellen Auseinandersetzung
um die freie Verfügbarkeit von Computersoftware. Was dem einen unter
dem Schlagwort "Open Source" die offene Weiterentwicklung einer Technik bedeutet,
ist dem anderen geistiges Eigentum, das es mit allen technischen und juridischen
Mitteln zu schützen gilt. Die zweite Frage kreist um ein Thema, das
für jede Form von Tradition eine große Herausforderung darstellt.
Die Tyrannei der Bilder. In einer kommerziellen Bilderwelt, die vom Zwang
nach Neuen beschleunigt wird, verkürzen sich viele Objekte beim häufigen
Gebrauch auf blinde Zeichen. Der alte Schuppen ist mit den Jahren unsichtbar
geworden. Seine Inszenierung im Inneren des "Werkraums" steigert seine Patina
und lenkt den Blick auf ihn. Doch für manche verschwindet er schon wieder
unter dem Klischee einer romantischen Bühnenkulisse.
3 Kulturelle Allianzen
Der Werkraum ist gewiss nicht das Resultat unberührter Handwerkskunst.
Die gestalterische Sicherheit und die durchgängige Formensprache im
Detail zeigen eine hohe Vertrautheit mit den Essenzen der zeitgenössischen
Architektur. Die wie aus der Wand geschobenen Tische und Bänke, ihre
klare Geo-metrie, die als raumhohe Öffnungen gedachten Ausgänge
sind Beispiele dafür. Immerhin sind alle an der Errichtung Beteiligten
in ihrem Berufsalltag in direktem Kontakt mit Industriedesignern und Architekten.
Auch das Büro von Peter Zumthor zählt mehrfach dazu. Sie sind etwa
gleichaltrige Nachfolger eines Generationswechsels und waren in einer ähnlichen
Situation wie die Vorarlberger Baukünstler. Mit dem Wunsch nach Neuem
und doch verbunden mit dem Ort entstanden kulturelle Allianzen. Teils aus
wirtschaftlicher Notwendigkeit, teils - v.a. von seiten der Planer - aus
einer Sehnsucht und dem Wunsch nach einem neuen Ganzen. Diese Sehnsucht der
Gestalter nach dem Einfachen und Schlichten hat aber auch den Ausführenden
das Selbstbewußtsein für die Schönheit und Qualität
des Naheliegenden und Unmittelbaren zurück gegeben. Diese wechselweise
Integration einer Gestaltungskultur, diese Allianzen sind nicht neu, werden
aber erst dort nachhaltig wirksam, wo die Balance aus Veränderung und
Verwurzelung beiden Seiten die Möglichkeit zu einer Entwicklung gibt.
Diese kulturellen und geistigen Allianzen können auch als Auslöser
in der Vorarlberger Architekturentwicklung angenommen werden. Die Ideenwelt
eines modernen Funktionalismus hat durch das Konzept einer regional verwurzelten
Volkskultur Anknüpfungspunkte gefunden. Der Nachdruck mit dem Roland
Rainer und andere Bezugspersonen auf die Qualität des anonymen Bauen
in vielen Kulturen hingewiesen haben, hat auf diesem Weg Spuren hinterlassen.
Der Gleichklang von Ideen und regionalen Spezifika hat dieser Allianz dann
den entsprechenden Halt und weitere Nahrung gegeben. Diese Ideen sind im
vollen Wortsinn auf "fruchtbaren Boden" gefallen und im Werkraum an für
manche unerwarteter Stelle aufgegangen.
*
Robert Fabach, 23. Okt. 2003
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erschienen im Novemberheft "Kultur">
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