An den Beginn drei Beobachtungen:
1.) Die schleichende Veränderung - Suburbanisierung
und Kulturwandel- werden von der angestammten Bevölkerung nur mit Widerwillen
wahrgenommen und vor allem als Verlust registriert. Der scheele Blick autowaschender
Häuslbauer auf die, wie vom Himmel gefallenen, stadiongroßen Gewerbehallen
verkennt die Tatsache, Nutznießer des selben Liberalismus zu sein. Den
um eine freie Wiese Trauernden bleiben Ausmaß und Gesamtzusammenhänge
dieser Veränderungen verborgen.
2.) Zur Lösung herandrängender gesellschaftlicher
Probleme die Synergien der Region zu erschließen zeigt sich als eine
zentrale Aufgabe der kommenden Jahre. Eine andere ist die Positionierung einer
Identität in der Größenordnung des Rheintals in einem neuen
und teilweise hoch mobilen europäischen Umfeld.
3.) Neue Chancen werden von „Nicht-Experten“ wie Zugereisten,
Heimkehrern oder Heranwachsenden zumeist viel rascher realisiert und genutzt.
Inhalt:
> Die Entstehung eines Projektes
> Vom Projekt des VAI zum Projekt des Landes
> Ökologie - kein Thema ?
> Bisherige Resultate
> Wo sind die Philosophen, Visionäre
?
> Der Kulturbereich denkt nach. Ein
erstes Zusammentreffen am Viktorsberg.
> Entdeckungen auf der Suche nach Identitäten
Prolog 1: Die Entstehung eines Projektes
1971 wurde erstmals ein Landesentwicklungsprogramm für Vorarlberg erstellt
und 1977 mit der Schaffung einer Landesgrünzone in den Riedflächen
des Rheintals ein wichtige rechtsverbindliche Umsetzung geschaffen. Ansonsten
beschränkte sich das raumplanerische Denken auf eingegrenzte Bereiche.
Erst spät im österreichischen Vergleich entwickelte sich im traditionell
eigentumsfreundlichen Vorarlberg auch die Flächenwidmung der Gemeinden
und erst seit 4 Jahren wurden dieses Daten im landesweiten GIS (Geografisches
Informationssystem) vernetzt. Der Blick auf eine zusammenhängende Darstellung
verdeutlicht vor allem die Selbstbezogenheit der Gemeinden und zum Teil drastische
Nutzungskonflikte an den Nahtstellen. Überblick. Immerhin.
Das VAI (Vorarlberger Architektur Institut), hat sich seit 3 Jahren in seinen
Zielsetzungen auch der Zwischenräume angenommen. Unter dem Titel „Vision
Rheintal“ wurde beharrlich - insbesonders von Wolfgang Ritsch, Markus Aberer
und Markus Berchtold - die übergeordnete Raumplanung thematisiert
und schließlich mit der Landesverwaltung, die übliche technische
Systematik verlassen, und ein umfassenderer Zugang als Grundlage für
neue, dringend notwendige Spielregeln entwickelt.
Einzelne Diskussionsveranstaltungen, eine Mailing List (das bald wieder sanft
entschlafene „VN-Architekturforum“) und letztendlich eine Befragung von 89
Entscheidungsträgern waren die ersten Schritte in einem methodisch und
inhaltlich noch recht unbestimmten Feld. Ein Anlass, um auch die tatsächliche
Bedeutung sozialer, kultureller und ökologischer Aspekte in der Wirtschaftsregion
Rheintal abzuschätzen.
Prolog 2: Vision Rheintal wird zur „Chefsache“
In der Vorphase wurde eine Steuerungsgruppe mit Vertretern des VAI, des Landes
und der Gemeinden eingerichtet. Das VAI hat sich daraus mittlerweile zurück
gezogen. Etwas überraschend, aber doch nachvollziehbar mit der Argumentation,
als Verein dem Land nicht als Auftragnehmer verpflichtet sein zu wollen,
sondern als Meinungsträger seiner Mitglieder inhaltlich akzentuierter
aufzutreten.
Auf Landesebene entstand so jüngst mit Hilfe eines externen Unternehmensberaters
eine Projektstruktur mit dem Ziel über einen Zeitraum von zwei Jahren
zu einem räumlichen Entwicklungsleitbild zu gelangen. Neben der Steuerungsgruppe
- paritätisch besetzt von Land und Gemeinden - dem Raumplanungsbeirat
und der Landesregierung gehört ihr die „Rheintal - Konferenz“ an, welche
mit der Landesregierung, allen Bürgermeistern der (Vorarlberger) Rheintalgemeinden,
sowie den Fraktionsvorsitzenden die Ergebnisse berät. Das „Rheintal
- Forum bildet die Plattform für die Artikulation wichtiger Interessensgruppen
und dient der Bewusstseinsbildung weiter Kreise“ (2). Also eine Art Think-Tank,
der allen Interessensgruppen offensteht - eben auch die Kultur - und
den es „noch mit Leben zu füllen“ gilt. Die Projektleitung - Moderation
und Organisation - wurde in einem auf zweieinhalb Jahre befristeten Dienstvertrag
der Raumplanerin DI. Sibylla Zech (stadtLand, Hohenems/Wien) übertragen.
Als externe Expertin wird sie ab 24. Mai „das raumplanerische Know-How, das
für das Entwicklungsleitbild erforderlich ist, die Methodiken, die im
Ablauf eingesetzt werden sollen, sowie die Fachbeiräte und Arbeitsgruppen,
die an den einzelnen Inhalten arbeiten“ (2) koordinieren. Daneben werden
Aufträge an diverse Fachbeiräte und Arbeitsgruppen für Themengebiete
wie Soziokulturelle Entwicklung, Mobilität, Siedlungsentwicklung und
Gemeindekooperation vergeben. Sibylla Zech leitet bereits ein weiteres interregionales
Projekt, das sich mit der länderübergreifenden Koordination von
Freizeit und Erholungseinrichtungen befasst.
Ökologie - kein Thema ?
Bemerkenswert auch das Fehlen eines gleichberechtigten Themas Ökologie,
das als Kategorie in den versorgungsorientierten Themengruppen Mobilität
und Freiraum subsumiert wurde. Das fast unbemerkte und medial aufregungslose
Auftauchen riesiger Bauvolumen in der Riedlandschaft beweist, daß die
Öffentlichkeit keine besondere Sensibilität für die sukzessive
Verschiebung der Siedlungsränder zeigt und es offenbar bei der Verbauung
der Riedflächen keine kollektive Schmerzgrenze gibt. Gerade ein so weitgespannter
Entwicklungsprozess sollte sich deutlich zu einem nachhaltigen Umgang mit
unserem Lebensraum bekennen. Eine Reihe verdienstvoller Institutionen (vom
Energieinstitut bis zur Inatura) wären inhaltlich kompetent und könnten
darüber hinaus auch reichlich Erfahrung im Umgang mit Visionen einbringen.
Bisherige Resultate und einige Zwischenrufe.
In der zuletzt in der Schriftenreihe Raumplanung Vorarlberg erschienen „Befragung
2003“ (3) war von Visionen noch nicht allzu viel zu erkennen. In der dennoch
sehr lesenswerten Zusammenfassung zeigte sich vielmehr ein Status eines kultivierten
Problems. Auffallend an der Befragung und vermutlich ausschlaggebend war
der hohe Anteil an Politikern und Beamten unter den Befragten, die sich naturgemäß
in der komplexen Thematik nicht sonderlich exponierten. Man würde sich
wünschen, die in manchen Bereichen durchaus hoch entwickelte Fortschrittlichkeit
auch hier entstehen zu sehen - die ökologische Wohnbauförderung
oder die Bemühungen um den Verkehrsverbund seien an dieser Stelle erwähnt
- . Doch es kann nicht die Politik und die Verwaltung sein, die hier als
geistigen Avantgarde bemüht wird. Das wäre eine Suche nach der
Zukunft am falschen Ort.
Wo sind die Philosophen, Visionäre ?
Hat sich unsere Zeit an gesellschaftlichen Utopien ausgebrannt? Oder sind
sie so verdrängt in den Zwischenräumen und Nischen des Alltags,
daß sie zwischen den geistigen Einfamilienhäusern nicht mehr den
Weg heraus finden?
Der Kulturbereich denkt nach. Ein erstes
Zusammentreffen am Viktorsberg.
Der Kulturkreis Feldkirch/Theater am Saumarkt und das VAI haben in einer
gemeinsamen Initiative eine inhaltliche Bearbeitung des Themas aufgenommen
und 18 weitere Institutionen aus dem Kulturbereich zu einem ersten „Nachdenken
über den Lebensraum Rheintal“ eingeladen.
Es konnten Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Fragen und Arbeitsthemen
abgesteckt werden. Neben den Veranstaltern haben sich unter anderem der Vorarlberger
Autorenverband, Vertreter des Spielbodens und der Poolbar oder auch Direktor
Schneider vom Kunsthaus Bregenz und Eva Häfele vom Jüdischen Museum
Hohenems über eine Fortführung und konkrete Projekte verständigt.
Einige wichtige Stimmen fehlten aber dennoch und es blieb auch kommenden
Treffen vorbehalten, inhaltlich Kanten zu zeigen. Diese nächste Diskussionsphase
wird vermutlich noch die Impulse verstärken und auch kulturelle Quergänge
erschließen. Denn es zeigte sich auch die Notwendigkeit und das Interesse
Kultur untereinander stärker zu vernetzen. Was die Wirtschaft unter
„Clustering“ versteht, wäre auch für die Kulturszene eine probate
Strategie. Eva Häfeles kulturelle Landkarte könnte dazu als Kommunikationsinstrument
dienen.
Generell fand sich bei den Kulturträgern ein hohes Bewußtsein
für die Region. Die Diskussion um eine „Ländliche Urbanität“
bestätigte sich auch hier. Das Rheintal könnte ein „Quartier“ in
einer globalen „Stadt“ werden. Wer seinen individuellen „Stadtplan“ aus Zeitdistanzen
und medialen Netzwerken erstellt, wird schon jetzt ein völlig anderes
Gefühl für die Region erhalten.
Gerade in der Kultur sind internationale Vernetzungen selbstverständlich.
Die Ausweitung des Blickwinkels auf die Schweiz und das deutsche Bodenseeufer
waren ebenso wichtig, wie die Kooperation mit anderen Regionen. Es gibt mit
der Vision - Bodenseestadt ja bereits vergleichbare Initiativen (4). Vielleicht
lag es auch an der unterschiedlichen Provenienz der Diskussionsteilnehmer,
dass die Identität eines kulturellen Durchgangslandes und die Symbolkraft
des fliessenden Rheins so betont wurde. Der Wandel wurde auch mit dem Begriff
„Lernenden Region“ (Ritsch) beschrieben. Migrantenkultur und Randgruppen
wurden ebenfalls als Themen genannt.
Doch das Publikum scheint der Beweglichkeit der Veranstalter nur begrenzt
zu folgen. Der Autor Franz Paul Hammling staunte auch wie folgenlos die zahlreichen
kulturellen Aktivitäten blieben. Noch bleibt offen:
Kann das Rheintal zum kulturellen Knoten werden?
Welche Räume gibt es um diese kulturellen Realitäten abzubilden?
Wie kann die Vernetzung besser funktionieren ?
Wie sieht die kulturelle Landkarte des Rheintals aus?
Entdeckungen auf der Suche nach Identitäten
Wenn diese Suche und Vernetzung ernsthaft geführt wird, hat man die
Chance auf „Entdeckungen“ zu stoßen. Auch auf manches, das nicht so
recht ins traditionelle Vorarlberg-Bild passen will: Islamische Kulturzentren,
Harley Clubs oder auch die PopCorn Afficionados der Kinocenter. Wer sich
in letzteren unter den Besuchern genauer umhört, wird auch feststellen,
daß es ja auch noch eine zweite Rheintalhälfte gibt: die Schweizerische.
Für den Kanton St. Gallen ist das Rheintal aber eine Randlage, während
es für uns der Mittelpunkt ist. Entsprechend groß ist der Zustrom
zu Freizeit- und Kultureinrichtungen in Vorarlberg. Doch auch St. Gallen
ist in exakt gleicher Distanz zu Bregenz wie Feldkirch.
Dazu Wolfgang Ritsch: „Es gibt wenige Regionen, die so stark begrenzt sind
wie Vorarlberg. Zumindest sind wir gewohnt, in Grenzen zu denken. Das mentale
Bild, das wir von der Region haben, beschränkt sich auf ein halbes Tal,
weil die andere Hälfte gehört ja nicht dazu. Die ist Ausland. Auf
der anderen Seite gibt es noch einmal eine Autobahn, eine Eisenbahn und so
weiter. In keiner Schweizer Unterrichtskarte ist die Hälfte von Vorarlberg
drauf, da wird einfach abgeschnitten in der Mitte des Rheins, und bei unseren
Karten genauso. Das ist fast ein Symbol für dieses Denken in Grenzen.“
(1)
Ebenso wird es notwendig sein, den Zugang zur Jugend der Region zu finden,
die in ihrem Arbeits- und Ausgehverhalten trotzdem viel stärker die
„Rheintalstadt“ nutzt. Aber die „Generation Download“ verkündet der
Welt nicht mehr bereitwillig ihre Anliegen. Sie holt sich einfach, was sie
braucht, oder zieht sich aus Themen zurück, in denen sie später
Entscheidungsträger sein wird.
Eine Identität Rheintal wird so gesehen nicht zu einer Vorarlberger
Verzweigung, sondern zu einem Einstiegspunkt in einen interkulturellen Raum.
Solcherart aufgerissen stellt sich die oben beschriebene Befragung ja geradezu
als Minderheitenprogramm dar und als Aufruf an alle Rheintalbenutzer ihre
Vision zu entwickeln und mitzuteilen.
„Bizim Düsündügümüzden daha Fazla Rhein-ovalar var.“
*
Robert Fabach
fabach@raumhochrosen.com
* [türk.] Es gibt mehr Rhein-Täler, als wir glauben mögen.
Robert Fabach

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