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Eine kleine Gruppe von Besuchern steht vor dem Haus. Sie haben sich alle für den Nachmittag Zeit genommen, um es zu besichtigen.
Langsam gehen sie durch den Garten, bleiben immer wieder stehen, schauen, hören aufmerksam zu und einer von ihnen erzählt. Trotz der Sonne, die den feinen Schatten einer Birke auf eine weiß verputzte Wand zeichnet, ist es kalt.
Die kleine Gruppe geht ins Haus. Was lässt sich wirklich über Architektur erzählen? Spricht Architektur für sich? Oder nehmen wir nur vertraute Zeichen wahr? Was zeigen von all dem die Bilder der Magazine? Die kleine Gruppe kennt vermutlich die Feinheiten. Und jeder, der ein Gebäude bewohnt oder mit etwas Muße vor Ort war, kennt sie ebenso. Sprechen, Lesen, Fotografieren kann auf Architektur nur verweisen. Ihre Essenz, oder genauer, ihre Vielfalt kann man wohl besser "er-gehen". Mit jedem Stehenbleiben erfriert der Raum zum Bild. Zu einem Einzelbild, das sich wie ein Missverständnis zwischen den Betrachter und die Architektur schieben kann. Erst in der Summe, im "Er-gehen" und "Be-wohnen" in der Kenntnis des Umfelds erschließt sich der Raum vollständig. Ein bloßes Bild oder eine Schlagzeile sind bestenfalls hilfreiche Zeichen für den, der das Original kennt, für alle anderen aber mitunter irreführende Ausschnitte. Die Beschränkung auf gestalterische Floskeln und Schlagwörter lassen die Baukultur verarmen und auch den Diskurs über sie. Schon in den 60er Jahren haben Hans Purin oder Rudolf Wäger gegen die bezugslosen Zeichen der Moderne Opposition bezogen. Gegen ein schematisches Repertoire an Formalismen wurden Funktionalität und Systematik, gedankliche Klarheit und der Bezug zu realen Orten und Personen zu den neuen Ausgangspunkten ihrer Arbeit. Modische Nierentische oder überflüssige Details hatten damals keinen Platz. Mit jener Architektengeneration, die zu Beginn der 80er Jahre zu bauen begann - Roland Gnaiger, Bruno Spagolla oder die Cooperative - rückten gestalterischer Pragmatismus und gesellschaftlich-kulturelle Zielvorstellungen in den Vordergrund. Mit dem geistigen Aufbruch dieser Zeit war auch ein theoretischer Diskurs um Region und Geschichte verbunden. Dem folgten sanfte Anklänge an das Vokabular der Postmoderne. Satteldach und Rundfenster hatten aber in ihrem sprachlichen Ausdruck eine vertraute Wirkung auf ein breites Publikum. Dieser Pragmatismus wurde abgelöst durch die gestalterische Neufindung seit den 90er Jahren. Aus den pragmatisch-idealistischen Holzhäusern wurden elegante Kuben und Prismen mit ausgereiften Proportionen - technisch hoch entwickelt. Aus dieser Phase rührt eine ganze Reihe von formal prägnanten Lösungen. Die horizontale Lattenfassade oder die geschoßhohe Wohnzimmerverglasung sind Beispiele, deren Eindrücklichkeit und Originalität sich über die Landesgrenzen hinaus verselbständigt haben und als "visuelle Würzmischungen" ein Eigenleben entwickelten. Dem "Einfach bauen" ist seine Unschuld abhanden gekommen. Zu häufig verschwimmt hart erarbeitete Einfachheit mit der Ödnis gedankenloser Kopien. Jetzt sehen sich - wie kürzlich im Montafon - Politiker und Architekten mit den aufstandsartigen Anwürfen aus der Welt des dekorativen Traditionalismus konfrontiert. Eine idiotensichere Zeichensprache und baumstarke Holzbalken müssen her. Rauchschwarz und krachig wie Pommes und Berner Würstel. Und Lederhosen. Und der Gast, ja der Gast, der will es so. Die Einwände gegen diese "Gewürzmischung Rustikal" fallen gar nicht mehr so leicht, denn es finden sich mittlerweile auch Gewürzmischungen "Modern" in den Küchenschränken des Bauhandwerks. Und die Unterscheidung zwischen Bekenntnis und Kalkül, zwischen zeitgenössischen Standards und gestalterischen Klischees wird schon recht anspruchsvoll. Zu anspruchsvoll auf jeden Fall für Stammtische oder holzgeschnitzte Podiumsdiskussionen. Die Vermittlung des feinen Unterschieds ist ein eigenes Thema. Für den Planer, aber auch den interessierten Betrachter und Benutzer von Architektur bleibt die Aufforderung zum "zweiten Blick", bleibt die Kontemplation über das Original. Eine immerhin lohnende Notwendigkeit. Gehen Sie! Die bloßen Bilder taugen hier nichts mehr. * Robert Fabach für Radio Vorarlberg - Kultur nach Sechs (6.Okt.2005) |
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