Das Kino als Gesamtkunstwerk
Das Bregenzer Metro-Kino rückt in die Schlagzeilen. Sein Besitzer
möchte sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen. Die
Tagespresse berichtet mehrfach. Politische und kulturell motivierte
Arbeitskreise bilden sich und selbst der Bregenzer Bürgermeister nimmt
Stellung. Seit 1948 zeigt diese Bregenzer, ja Vorarlberger
Kulturinstitution Kinofilme und ist auch heute mit seiner cineastischen
Programmschiene ein Fixpunkt in einer überregionalen Kinolandschaft.
Wenn wer so lange und unberührt durch alle Stürme der Zeit seinen
kulturellen Beitrag leistet, wie das Metro Kino und sein rühriger
Erbauer und Besitzer - August Weisshaar - dann nimmt man deren Existenz
und deren Charme für so selbstverständlich wie sommerliche
Sonnenuntergänge oder die Funkenfeuer. Erst jetzt mit dem anstehenden
Betreiberwechsel wird seine Bedeutung in mehrfacher Hinsicht voll
bewusst:
Es ist nicht nur eine der letzten klassischen Filmvorführstätten, die
in der Region verblieben sind, sondern auch ein architektonisches
Zeitdokument. Und es ist in der eigentümlichen Kombination mit dem
ehemaligen Stationsgebäude der Bregenzer Wälderbahn ein städtebaulicher
Identitätspunkt mit lokalgeschichtlicher Tiefe. Während die barocke
Seekapelle am Kornmarkt und die Fachwerkhäuser der Oberstadt alt genug
sind, um als historische Bezugspunkte erkannt zu werden, scheint sich
unserer Epoche sehr schwer zu tun, etwas alt werden zu lassen.
Die 1985 abgebrochene Stahlkonstruktion der Bregenzer "Gulaschbrücke"
oder auch das jüngst und unbemerkt verschwundene Badehaus in der
Klostergasse mit seiner expressionistischen Formensprache der 30er
Jahre sind Beispiele dafür.
Natürlich soll hier nicht jedem alten Haus nachgejammert werden.
Erneuerung macht Sinn und bedeutet Leben. Doch wie der Fabriksschlot im
benachbarten und neu genutzten Schöller-Areal als Landmark erhalten
wurde und die Mariahilf-Kirche von Clemens Holzmeister auf eine
Geschichte des Ortes verweist, so ist auch das Metrokino des
Holzmeister- und Welzenbacher-Schülers Weisshaar als Zeitzeugnis zu
lesen. Ein lange Zeit gemütvoller Merkpunkt in einer heterogenen
Vorstadt, der mittlerweile inmitten hart kalkulierter Bauaktivitäten
und umfangreicher Quartierserneuerung steht .
Seine Baustruktur, die geistvolle Anordnung der drei Säle und des Cafes
in ablesbaren Volumen bilden seit 1948 eine gestalterisch feste und
wertvolle Basis. In seiner etwas ergänzten Ausstattung haben sich die
modischen Launen der 50er und 60er Jahre durch liebenswerte
Beharrlichkeit und gestalterisches Bewußtsein erhalten. Aus all dem ist
ein Zeitdokument geworden und ein Stück Identität, das
jetzt - in die Jahre gekommen - die Frage nach Respekt und
kulturellem Bewußtsein stellt.
Atelierwerke
In der Kunst gibt es immer wieder Atelierwerke, wie Marcel Duchamps
"Großes Glas", die ihren Schöpfer über viele Jahre begleiten,
gelegentliche Überarbeitungen und Variationen erfahren und eine
besondere biografische Dichte zeigen. So gibt sich auch hier dieses
Lichtspielhaus wie eine Kreidezeichnung eines historischen Meisters.
Unmittelbar zum Beginn seiner Laufbahn entstanden zeigt es sich
authentisch und unverfälscht. Unter der Obhut und den liebevollen
Erklärungen seines Schöpfers ziert es dessen Atelier.
Doch was passiert im Augenblick, da es das Atelier verläßt? Werden sich
Händler um den Karton reissen, nur um ihn eilig umzudrehen und auf
dessen Rückseite Milchmädchenrechungen zu notieren?
Schaffen wir es, dieses Kunstwerk in seiner Ganzheit zu würdigen? Den
Untergrund zu stärken, die feinen Linien, Schraffuren und Nuancen zu
festigen und mit seiner Patina umzugehen?
Das "Filmcasino" in Wien ist ein Beispiel aus dieser Zeit, in dem genau
diese Qualitäten sorgfältig restauriert und mit einem klugen
Programmkonzept erfolgreich fortgeführt wurden.
Auch das Bregenzer Metro-Kino ist nicht nur Kino, sondern auch Bauwerk.
Nicht museal, keine ganz große Architektur, aber ein gewachsenes
stimmiges Stück Alltagskunst, das in seiner Mischung aus Bauwerk,
Ausstattung und Dekor viele Qualitäten und Facetten zeigt, die einfach
nicht mehr reproduzierbar sind.
Das spüren viele, die das Metro Kino lieben. Solche Orte sind wichtig
und selten in einer Kinolandschaft, in der sich selbst Cineasten in den
Popcorn-Mief frisch betonierter Kinokonserven drängen müssen.
Robert Fabach, Bregenz, 15.2.2006