Der Vorarlberger Siebenjahresplan


Nach dem Raumplanungsprojekt "Vision Rheintal", einer zweieinhalb Jahre währenden, sehr breit gehaltenen Bestandsaufnahme des Landes Vorarlberg, die vom Vorarlberger Architekturinstitut initiiert wurde, wird erneut das Umfeld der Vorarlberger Architektur thematisiert. Mit dem "Prolog" der Symposiumsreihe "Antipodium - Architekturzündung mit gesellschaftlichen Folgen" wurde ein ambitioniertes Projekt eröffnet, mit dem das Vorarlberger Architekturinstitut "auf regionaler wie europäischer Ebene neue Impulse in der Architektur anregen" möchte. VAI - Obmann Stefan Marte sieht den richtigen Zeitpunkt für Impulse, "um einer Verflachung vorzubeugen". Was 2005 bereits im Rahmenprogramm der Ausstellung Konstruktive Provokation teilweise kontroversiell als Statement von Außen versucht wurde, soll nun als organisiertes Langfristprojekt erneut Impulse importieren. In zweiwöchigen Symposien in den Jahren 2007, 2009 und 2011 sollen in einer Mischung aus Programmveranstaltungen und Sommerakademie Themenstellungen verhandelt werden, die das VAI aus der Aufarbeitung des Prologs formulieren wird.

Im Rahmen dieses Prologs wurden acht namhafte Personen aus Wissenschaft und Kultur mit unterschiedlicher Vorarlberg-Erfahrung vier Tage lang durch das Land gefahren und haben in einem Programm aus Besichtigungen, ausgewählten Gesprächen und Referaten Vorarlberg erfahren, ergangen, erlebt: Die Handwerksforscherin Christine Ax, die Schweizer Fotografin Lucia Degonda, die Direktorin des VAI, Marina Hämmerle, der Kulturmanager Georg Hoanzl, der Architekturkritiker Otto Kapfinger, der wissenschaftliche Psychologe Heiner Keupp, der niederländische Kunstkurator Harm Lux und Christine von Weizsäcker, Biologin und Aktivistin in Sachen Nachhaltigkeit. Unter professioneller Moderation entstanden in diesen vier Tagen Fragestellungen zum weiteren Umgang mit dem modernen Erbe der Vorarlberger Bau- und Lebenskultur:
Wie soll mit Traditionen umgegangen werden? Wie steht es mit dem sozialen Raum? Wo gibt es im "Erfolgsmodell Vorarlberg" Raum für Widerstandskulturen? Wie können Räume Gemeinschaftsbildung beeinflussen? Wo bleibt das Provisorische, das Prozesshafte der Randzonen?

Diese Fragen sind zum einen nicht untypisch für den "fremden und frischen Blick" auf das Kulturgebilde Vorarlberg und drohen sich erfahrungsgemäß im komplexen Netz des regionalen Beharrungsvermögen zu verfangen. Denn ihr hoher Anspruch bewegt sich weit über die inneren Agenden der Architektur hinaus und kommentiert vor allem gesellschaftliche Entwicklungen, an denen Planer und Gestalter zwar mittragen, aber die sie immer weniger beeinflussen können. Entsprechend optimistisch hofft Marina Hämmerle, auf Breitenwirkung und Rückkoppelung.

Zum anderen hat sich die zeitgenössische Vorarlberger Baukunst aber nie an theoretischen Aufrufen orientiert, obwohl einzelne Lehrpersönlichkeiten, wie Roland Rainer oder Ernst Hiesmayr durchaus ihre Spuren hinterlassen haben. Die aktuellen Fragen waren zwar vergleichbar mit jenen, die schon vor 40 Jahren unter anderen Vorzeichen an die Gesellschaft gerichtet wurden, entstanden aber unorganisiert als Hintergrund einer Widerstandskultur.

Wie weit wird ein Expertensystem Breitenwirkung und Akzeptanz entwickeln können? Angesichts der Mischung aus organisiertem Aufbruch und hochinteressanten Einzelstatements mag man gespannt sein auf den langen Atem und die weitere Entwicklung dieses Projekts, dessen zeitliche Dimension sich staatstragend gibt und für eine relativ junge Organisation wie das VAI durchaus ungewöhnlich ist.
Robert Fabach, 13.11.2006
Links: www.v-a-i.at, (u.a Otto Kapfinger: Einzelstatement zum Prolog)