Das aktuelle Südtiroler Architekturgeschehen ist geprägt von Heterogenität. Das vielleicht glückliche Fehlen einer eigenen Ausbildungsstätte und individuelle Biografien zwischen den Kulturkreisen ergeben einen dynamischen Selbstfindungsprozess zwischen den Universitäten Wien, Innsbruck, Graz, den Vorarlberg-Schweizerischen Gravitationszentren und der üblichen medialen Internationalität. 1
In diesem baukulturellen Schwebezustand ruft Hermann Czechs Bar in den Arkaden am Kalterer Marktplatz einen Zugang zur Architektur wieder ins Bewusstsein, der als querdenkerischer Aufbruch einst besonders mit Wien verbunden war, im aktuellen Kontext aber eine neue irritierende Aufmerksamkeit erzeugt: Architektur als Erzählung von Normalität, als soziale Skulptur verbündet sich im ironischen Dialog mit dem Ort. Da stolpert schon manch zeitgeistiger Designer kopfschüttelnd wieder hinaus, während das durchmischte Publikum kennerhaft am Weinglas riecht, oder über einem Espresso die Fußballergebnisse diskutiert.

Ein Lokal am Hauptplatz

Der „Weinpunkt“ steht im Rahmen einer seit Jahren laufenden Qualitätskampagne, die das Produkt Wein, aber auch das bauliche Umfeld umfasst. Eine kleine Bar in den Arkaden und ein benachbartes, ehemaliges Obstgeschäft wurden zusammengefasst um einen zentralen Präsentationsort für über 100 regionale Weinsorten mit entsprechender Öffentlichkeit zu schaffen. Das Lokal ist von halb acht Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet und bietet neben der Weinverkostung und einem Cafebetrieb auch kleine Speisen und ein Mittagsmenü. Neben dem Qualitätsanspruch für die Weinverkostung muss es als Tagesbar für jedermann und zugleich als Abendbar zwei unterschiedliche Atmosphären leisten.
Hermann Czech: „Die Vorgaben waren sehr offen. Man hat dieses Haus gefunden, aber niemand hatte konkrete Vorstellungen was hier möglich ist. Mir kamen die Voraussetzungen entgegen: eine Art Lokal, das schon immer da gewesen sein könnte. Vor allem konnte man darauf eingehen, was das Gebäude hergibt.“2

Raumfolge

Vom Marktplatz kommend werden die Arkade und drei unterschiedlich breite Raumachsen in zwei Geschossen durchquert und über zwei Treppen zu einer Raumfolge verbunden. Diese Promenade durchs Lokal wird an einer Seite von Nebenflächen begleitet, so dass eine Balance aller Bereiche entsteht. Zur Arkade wurden die kleine Küche und eine Wendeltreppe angeordnet. Dem folgen ein Gewölbe mit der Bar und ein weiterer Gewölberaum, in den als verwinkelte Einbauten die Toiletten gestellt wurden. Um sie herum führt eine breite Treppe ins Untergeschoss, das durch das Absenken des ursprünglichen Bodens noch zusätzlich Höhe erhielt.
„Der unverputzte Kellerraum mit dem sichtbaren Weinlager ist der größte und höchste. Um seine Wichtigkeit im Raumzusammenhang zu zeigen, wurde der Fußboden mit großen schwarz-weißen Steinplatten belegt. Diese Schachbrett-Verlegung ist übrigens nicht rechtwinklig; wegen der leichten Schräge des Raums sind auch die Platten in Winkeln von 88,42 und 91,58 Grad zugeschnitten, so dass es ein exaktes Fugenbild und keine Anschnitte gibt.“
Wie im Erdgeschoss dominiert ein großer gemeinsamer Tisch. Wer sich nicht an das familiäre Ensemble setzen will, findet an schmalen Sideboards seinen Platz. Der Ausbau eines bestehenden Kellerfensters zu einer verspiegelten Lichtumlenkung erzeugt eine effektive Tageslichtatmosphäre und das polygonale Profil der Spiegeln einen kaleidoskopartigen Blick zur Strasse.

Farbraum und Kombinationswirkung

Der folgende, fensterlose Raum wirkt intim, dennoch kräftig und seltsam artifiziell in seinen kontrastierenden Warmtönen. Das Gewölbe leuchtet in einem satten mittleren Rot, nicht Zinnober und nicht Purpur und senffarbene Putzflächen kennzeichnen alle Eingriffe. Eine umlaufende Wandverkleidung aus Eichenholz fasst einen Tisch für acht Personen. Die stirnseitige Trennwand zum dahinter liegenden Lager ist durch ein zentrales Mittelfeld feierlich gehöht und verlängert durch Spiegelfelder optisch das Tonnengewölbe. Eine Wendeltreppe führt weiter nach oben, halbhoch begleitet von einer glänzenden gedeckt olivgrünen Wandfarbe. Die visuelle Dichte dieser Material- und Farbfolgen gerät durch einen riskanten mittelblauen Randstreifen in Augenhöhe an lustvoll dramatische Grenzen. Czech verweist dabei auf eine besondere Rolle der Farbe in der Architektur:
„Eine Farbe kann einfach im Objekt aufgehen. Am einfachsten ist das bei einer Materialfarbe vorzustellen. Aber auch eine deckende Farbe kann durch Assoziationen oder Gewohnheiten nicht mehr als Farbe zu sehen sein, weil ich sie aufgrund des Gebrauchs in einem gewissen Zusammenhang so gewohnt bin. Das ist das was mich interessiert: wo nicht eine Farbe hervortritt, sondern das Objekt oder das Material einfach diese Farbe hat. Dass Farben da sind, aber gleichzeitig vernichtet werden, das ist in der Architektur möglich.“
„Das Blau an der Decke im Erdgeschoss ist dagegen eine Farbe, die nicht verschwindet. An diesem Blauton haben wir ziemlich lange experimentiert. Es sollte eine charakteristische Farbe sein, die wie von nirgendwo herkommt. Man soll sie auch wahrnehmen, genau wie das Rot im Raum darunter.“
Mit diesem Blauton wurde die demontable Deckenheizung in zwei Gewölbekappen markiert. Damit konnte der Terrazzos aus den 50er Jahren erhalten werden. Er bildet An den Gewölben wurden denkmalgeschützte Freskenfragmente aus dem 17. Jahrhundert freigelegt, der Boden im großen Gastraum ist ein Terrazzo aus den 50er Jahren.

Zitate des Alltags

Die Ausstattung, auch Lüftung und Beleuchtung, sind in eine Grammatik von Maßnahmen zerlegbar. Nichts wird kaschiert oder verdeckt. Jedes Abluftrohr leistet seinen Dienst und ist identifizierbar. Ergänzungen nehmen aber auf die historischen Oberflächen Rücksicht und üben sich in Beiläufigkeit.
„Aus der Formel von Frank, unsere Umgebung so zu gestalten, „als wäre sie durch Zufall entstanden”, folgt übrigens nicht, dass man zufällig vorgeht, also quasi abwartet wie es ausfällt. Gerade dann erreicht man das „zufällig” erscheinende Ergebnis nicht, sondern es kommen Dinge heraus, die nach irgendwelchen Absichten ausschauen.“

Physiognomie der Objekte

Bemerkenswert ist die Empfindung, auch im leeren Lokal nicht wirklich allein zu sein. Mobiliar und Einrichtung bauen mit wenigen Elementen subtile Anthropomorphismen auf und entwickeln so regelrechte „mobiliare Identitäten“. Die stapelbaren Stühle – eine Weiterentwicklung aus dem Czech´schen Stuhlmodell für sein Wiener Messehotel - zeigen Taille und sind Blickfang. Die Entität von Kugellampe und Spiegel, Reling und Wandtisch, Wandverkleidung und Fußstange bildet eine fürsorgliche Entsprechung zur menschlichen Rast und Kurzweil suchenden Figur mit Getränk. Augen und Neugier, Weinglas und Hand, schabende Knie und ein lässiger Kontrapost finden hier Halt. Über das Faktum, dies nicht als industrielles Profil oder geshapte Welle, sondern als wahrnehmbare Einzelobjekte ausgeführt zu finden, könnte man sich in psychokulturelle Deutungen über die Hierarchie von Produkt und Individuum verlieren. Wesentlich bleibt die angenehme Präsenz des Nützlichen. Zu einem Assoziationskarussell verleiten die vier Stehleuchten im großen Kellergewölbe: Siamesische Lichtgestalten oder Doppelphallus? Hermann Czech selbst verweist vorsichtig auf die Verwandtschaft mit den einflammigen Säulen aus seinem Lokal „Salzamt“ (1983) und begründet die Gabelung mit dem ganz funktionalen Bedarf an Licht.

Bricollage und atmosphärische Konstruktion

Hermann Czech will Form, oder genauer Form-Erfindungen vermeiden und lässt stattdessen etablierte Formen in neuem Zusammenhang wirksam werden. Diese aus der bildenden Kunst vertraute, subversive Strategie bildet die Grundlage für die spürbare Gratwanderung zwischen Normalität und Ironie.
„Jeder Entwurf, auch ein neuer, entsteht aus vielen, teilweise widersprüchlichen Gedankengängen. Dieses Netzwerk bleibt sichtbar, auch wenn die Dinge zum Einklang kommen; das macht die ästhetische „Informationsdichte” aus. Bei einem Umbau sind solche Informationen schon vorhanden; es wäre eine Verarmung, darauf zu verzichten.“
Dabei warnt er aber eindrücklich vor dem Selbstzweck, vor der „Intellektualität als leerer Hülse und vor der Irregularität als bloßem Versatzstück.“ Sekundiert wird diese Position in Kaltern durch eine unweit gelegene Bar von Walter Angonese und Manfred A. Mayr. Ein Renovierungsprojekt, das ebenfalls beharrliche Interventionen in Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen betreibt. Was in beiden Fällen als unprätentiöses Gebrauchsgut daherkommt, bezieht gesellschaftlich Stellung, indem es kulturelle Abgrenzung und trendige Duftmarken bewusst vermeidet und doch die Romantik des touristischen Umfelds mit präzis gesetzten Brüchen bearbeitet.
Darüber mögen aber nicht die hohen Nutzungsqualitäten und die atmosphärische Balance vergessen werden, die letztlich Voraussetzungen für eine solche Vorgangsweise sind.

veröffentlicht in Architektur Aktuell

1) siehe: „Südtirol. Ein Hauch von Optimismus“ Walter Angonese in: Architektur Aktuell 12/2004
2) Die Zitate von Hermann Czech entstammen einem redigierten Interview von Christoph Mayr Fingerle vom 29.12.2005