INFOBOX:
Mit dem Outstanding Artist Award prämiert die Republik im
Zweijahresrhythmus Experimente in der Architektur. Die Organisation der
Preisvergabe rotiert zwischen den österreichischen Architekturhäusern.
2010 ist das Vorarlberger Architekturinstitut Gastgeber und
Organisator.
Jury: Hugo Dworzak, Architekt aus Vorarlberg, Matthias Stocker, pool
Architekten Zürich und Gastdozent ETH, Andrea Hofmann, Architektin bei
raumlaborberlin sowie Wolfgang Tschapeller, Architekt und Professor an
der Akademie der Bildenden Künste in Wien
Die Ausstellung zeigt die Preisträger und den Großteil der insgesamt 50
Einreichungen.
12. November bis 23. Dezember 2010.
VAI - Vorarlberger Architekturinstitut, Marktstrasse 33, Dornbirn.
Di - Fr 13-17 Uhr, Sa 10 - 17 Uhr.
Die Architekten Hugo Dworzak, Lustenau, Matthias Stocker, Zürich ,
Andrea Hofmann, Berlin und Wolfgang Tschapeller, Wien sind als Juroren
dem Aufruf der Republik Österreich gefolgt und haben ihr Bestes
gegeben, um aus 50 Einsendungen einen würdigen Preis und drei
Auszeichnungen auzuwählen, die sie als besonders outständing und
besonders experimentell erkannten.
Dazu ein Gegenbild. Dieses Jahr hat in Wien die 48. Viennale
stattgefunden. Hans Hurch, ihr Leiter, erklärte dazu in einem
Interview, dass dieses Filmfestival vorsätzlich keinen Preis vergibt
und sich der „gleichberechtigten Präsentation“ verpflichtet sieht:
„Eine nicht-hierarchische Idee von Kino, die Verweigerung von
Wettbewerb, die möglichst offene Programmierung.“ Experiment ohne
Wettbewerb? Vielleicht kein schlechter Ansatz um mit dem
Außergewöhnlichen umzugehen.
Gleich vorweg. Falls Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, gerade
nicht die Muse haben den ganzen Text zu lesen, fasse ich mich kurz:
Unbedingt anschauen! Die Ausstellung ist ausgesprochen sehenswert. Mit
50 Einreichungen eine dichte Packung von Versuchen und Ideen zur
Jetztzeit, ein Nährboden, der zum einen anregende Bilder liefert, zum
anderen auch dem vertieften Blick reichlich Anlass bietet zur
Kontemplation über gebaute und nicht gebaute Umwelt. Oftmals
Diplomarbeiten, manchmal Versuche des Sich-Wieder-Freispielens vom
Architekturalltag, manchmal auch Beispiele für eine beharrlich
praktizierte, künstlerische Widerständigkeit. Dazu als Diskursangebot
einige nicht-hierarchische Schlaglichter aus dem Kontext.
Wer ist denn zuständig für das
Experiment?
Juror Hugo Dworzak beantwortet diese Frage folgendermaßen: „Es sind die
ganz Jungen, die Frischen und Unverdorbenen, die Hungrigen und
Träumenden. Jene, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben und die
von dürstenden Unterrichtenden geimpft oder infiziert wurden. Jene, die
noch niemandem etwas schuldig sind. Die frei von der Leber weg agieren
und die Möglichkeit des Scheiterns als selbstverständlichen Teil ihres
Tuns akzeptieren. Es sind jene, die frei nach Fritjof Capra, den
Versuch unternehmen, scheinbar Unverträgliches miteinander zu
verbinden.“
Die Ausstellung
Aufmerksam gehängt, liefert schon das Arrangement der Beiträge einen
feinen Beitrag zum Diskurs über den Diskurs. Gedankliche Dichte und
grafische Raffinesse zeigen einige Konzeptionisten gleich am Eingang,
der große Raum vorn am Licht steht für die Preisträger bereit und drei
entschlossene Kunst-Architekturinstallationen dominieren den Eindruck
vom dritten Raum. Peter Kaschnig´s „Blaues Haus“ (realisiert für einen
Monat in Klagenfurt) kommentiert trotzig das Gewöhnliche. Ein
durchgängiges Gelb kennzeichnet eine eindrucksvolle Installation zu
„Linz 09“ (www.bellevue-linz.at) und ein bunter Stapel von Containern
und Ideen collagiert Stadtleben. Temporär realisiert am Wiener
Wallensteinplatz(www.add-on.at).
“Books, adding weight to content”
Auch eine lange Vitrine spannt sich quer durch den dritten Raum. Darin
liegen aufgeschlagen dicke, schwere Bücher und beeindrucken mit aus den
Seiten minutiös ausgeschnittenen Innenräumen: „Paper City“, fein
ziselierter von postgradualen Studenten unter Prof. Peter Staub, als
„Online Projekt“ der Hochschule Liechtenstein auf der Expo Shanghai und
basierend auf der Arbeit „Your House“ von Olafur Eliason. Ein Beispiel
verschachtelter Autorenschaft und Genese von Ideen. Staub: „Large
volumes, oversize formats and several hundreds, if not thousands of
pages aim to add weight to the content - literally and to intimidate
it´s reader, who does not necessarily go and see the built
architecture, but trusts it s glossy and photoshopped reproduction in
books to make a judgement.“
Herrlich, aufschlussreich, alles was man braucht für eine Reflexion
über Experimente in der Architektur und ihre Repräsentation.
Was bleibt am Schluss?
Ein Zitat von Peter Eisenmann stößt gleich nach und lobt schließlich
die Bücher von Architekten sogar vor ihrem Werk. „Vers une
architecture“ versus Chandigarh, „Delirious New York“ versus das
Utrechter Educatorium? Ein alter Zweikampf im Architekturdiskurs, quasi
an der Schwelle zu den Akademien und Architekturfakultäten, dessen
Ausgang fast immer vom Austragungsort entschieden wird. Drinnen ist die
Praxis rasch verloren, verlacht, mitleidig geduldet. Die Rache könnte
kaum erbarmungsloser sein, wenn sich die Auseinandersetzung hinaus in
die Stadt, auf die Baustellen verlagert und dort Theorie und Experiment
mit den Worten Hugo Dworzaks „um jeden Millimeter kämpft und Keime
künstlich am Leben erhält“. Das breite Feld an „praktischen
Experimenten“, das anonyme Bauen und auch die Baukultur in Vorarlberg
finden nur selten die intellektuelle Anerkennung.
Nachdenker, Aufbereiter und lustvolle
Krachmacher
Neben spannungsvollen Versuchen um die reine und besondere Form,
gestützt von komplexen Mechanismen der Genese und genährt aus den
medialen Zirkusvorstellungen des Dekonstruktivismus findet sich auch
gezeichnetes Nachdenken über Haut und Struktur (Heri & Salli) oder
Vertiefungen in die komplexen Fragen der Stadt- und
Regionalentwicklungen (z.B. Arquitectos / Pretterhofer / Spath mit dem
ausdifferenzierten Bilderlesebuch „Land“ über den „rurbanen Raum“).
Gerald Haselwanters „Inflatable House“ kontempliert gemütlich über die
Entwicklung Clevelands zu einer entleerten Stadt, vom „Anything goes“
zum „Nichts geht mehr“. Peter Jellitsch beeindruckt mit einer
grafisch eindrucksvollen und auch ausgezeichneten Studie über den
radioelektronischen Raum der Mobilfunknetze über der Wiener Innenstadt.
Wohin gehen Ideen und Energie und wem
nützen sie?
Ein Beitrag über ein Bauprojekt in einem südafrikanischen Township, das
einer aktuellen, sehr bemerkenswerten und im Wettbewerb leider
unterrepräsentierten Architekturbewegung folgt (siehe z.B.:
www.basehabitat.ufg.ac.at oder sarch.twoday.net) verliert mit
glückloser grafischer Gestaltung das Rennen auf den ersten Metern.
Soziale Ambition wird auch bei der Auszeichnung von Gregor Holzinger
gezeigt, dessen expressiver „Dachgarten für das Integrationshaus Wien“
wirkungsvoll Ausblicke für Asylsuchende inszeniert. Großer Aufwand,
Perfektion und Hochglanz in der virtuellen Nachbildung ohne jede
Umsetzung schmecken aber etwas bitter nach instrumentalisiertem Elend.
Der Sieger und ein Nachbild
Ungetrübt fantastisch, subtil in der Idee, doch gleichwohl unrealisiert
wirkt hingegen das Siegerprojekt von Christian Tonko, Titusz Tarnai,
Peter Jellitsch: Eine „schwankende, dreckige und lebendige Antithese“
zum sterilen White Cube, „Raum, aufgespannt zwischen zwei Topografien,
dient als Ausstellungsfläche, als Auditorium und als gesellschaftlicher
Treffpunkt. Zwei Ingredienzien – Ökosystem und kulturelle Produktion –
verschmelzen derart, dass Unvorhergesehenes möglich wird.“
Noch ein Nachbild dieses Tages. Zeitgleich zur Eröffnung referierte
Wolf Lotter, gefeierter Redakteur des Wirtschaftsmagazins Brand Eins
über Ideenwirtschaft und die „kreative Revolution“. Vor elegant
gekleideten Proponenten der Grafik- und Werbewirtschaft, eingeladen und
bezahlt durch einen namhaften Bauträger und Projektentwickler. Ein
Zeichen?